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Squire lässt grüßen! (Quelle: Motorrad Gespanne, Nr. 99 Mai/Juni 2007)

Manche Seitenwagen scheinen so gelungen, dass sie selbst nach Jahrzehnten die Gespanntüftler inspirieren. KMS nahm sich den Squire ST vor, und CNC-Spezialist Dröge baute sich damit ein einmaliges BMW-Boxergespann.
 
Gespannkenner wissen: Es ist nicht das erste Mal, dass der einst so populäre Squire ST als Vorlage für andere Beiwagen herhalten musste. Herzulande am bekanntesten dürfte der Sport Special von Charnwood sein, den die Firma Kalich 1995 mit seinem Langschwingenfahrwerk auch in Deutschland anbot. Doch damals waren Familienboote gefragt. So scheiterte der appetitliche Charnwood kläglich und verschwand wieder von der Bildfläche.
 
Mittlerweile hat sich die Nachfrage nach Familienbombern gelegt. Kompakte Einsitzer sind wieder gefragt. Von dieser Veränderten Ausgangslage erhofft sich KMS mit seinem ebenfalls auf dem ST 2 basierenden Orca einen größeren Erfolg, als er damals dem Charnwood-Boot zuteil wurde. KMS? Die drei Buchstaben stehen für „Kindermann Motorrad Service“. Das dürfte manchem Leser abermals aufhorchen und den Namen Kindermann mit SiDeCon in Verbindung bringen lassen. Tatsächlich steckt hinter KMS aber Achim Kindermann. Er ist der Bruder von Si-De-Con-Chef Heino, der seit seiner Eheschließung den Nachnamen Gnizza führt. Dort widmet er sich schon geraumer Zeit auch dem Gespannthema.
 
Zwar firmieren die beiden Brüder unter verschiedenen Namen, doch unterstützen Sie sich gegenseitig bei ihren Vorhaben. Im Falle unseres Testsobjektes spielt zudem Erwin Dröge eine maßgebliche Rolle, Er ist Inhaber eines Betriebes für CNC-Fertigung, Werkzeugbau und Kunststofftechnik. Er realisierte diverse Detaillösungen, die sein Gespann bislang zu einem Unikat machen. Doch weil Dröge das Bearbeiten von Metallen und Kunststoffen als Broterwerb betreibt, sind einige unserer Spezialanfertigungen auch interessierten Kunden zugänglich.

Orca. „Das Kind muss einen Namen haben“, pflegt der Volksmund zu sagen. Zwar werden Assoziationen mit dem Film-Killerwal geweckt, treffen aber auf die eher konservative gestylte Gondel nicht zu. Noch Namen sind ohnehin Schall und Rauch. Mehr interessieren die handfesten Qualitäten. Und hier ist der Orca seinem Großvater aus England klar überlegen. Zunächst einmal ist der Bootsboden der Polyester-Karosserie in stabiler Sandwich-Bauweise gefertigt. Für die nach hinten öffnende Gepäckraumklappe verspricht KMS Wasserdichtigkeit, was beim ST 2 nicht gewährleistet war. Zum Ein- und Aussteigen ist nicht nur die Scheibe, sondern ein Ausschnitt der Karosserie vorklappbar. Die Alu-Scharniere sind dabei so angebracht, das die Scheibeneinheit nach rechts weg schwenkt und nicht mit der Verkleidung der Zugmaschine kollidiert. Weiter Detail: Der Bodenbereich wird durch Sandwichbauweise zusätzlich stabilisiert. Fahrgast- und Gepäckraum sind versiegelt. Sitzpolster und Rückenlehen bestehe aus separaten Polstern.
 
Der Beiwagenrahmen präsentiert sich als Kombination aus Vierkant- und Rundrohr. Eine gezogene Schwinge mit einem in der Federbasis einstellbaren Stoßdämpfer führt das eingebaute Aluminium-Rad. Die Zange über der gelochten Bremsscheibe stammt von Brembo. Pulverbeschichtung und Edelstahlschrauben machen das Chassis korrosionsbeständig. Gegen Aufpreis gibt es Chromspeichenräder mit 48 Speichen in 4,5 Zoll oder mit 72 Speichen in fünf Zoll. Die dritte Alternative wurde an unserem Testgespann verbaut: Ein Triset-Verbundrad in Edelstahl. Ebenfalls eine Entwicklung von Si-De-Con ist die Bremsmomentabstützung für die Beiwagenschwinge. Sie soll das Stempeln des Rades vermeiden. Auch lässt sich ein zweiter Bremssattel montieren. Stoßdämpfer-Alternativen gibt es von Bilstein oder Wilbers, letztere mit externer hydraulischer Federvorspannmöglichkeit. Die Bootskarroserie kann mit Zubehör aufgewertet werden. Dazu gehören unter anderem: Wetterfester Teppichboden mit Kunststoffbefestigung, Fußstütze, Gepäckbrücke in Chrom oder Edelstahl, Heckbügel in Edelstahl, Innenbeleuchtung und Steckdose. Ein 20-Liter-Zusatztank mit abschließbarem Verschluss erhöht den Aktionsradius.

Zum maschinenseitigen Umbau der hier vorgestellten BMW-RT hat KMS respektive die Firma Si-De-Con die hochwertigen Triset-Räder in 15 Zoll und die Edelstahlstreben für den Seitenwagenanschluss beigetragen. Den angeschraubten Hilfsrahmen und die Schwingengabel mit Exzenter-Nachlaufverstellung baute Erwin Dröge in Eigenregie. Zudem rüstetet er das das per Monoschwinge geführte Hinterrad auf Scheibenbremse um. Deren Hydraulik ist mit einemder beisen Sättel am Bootsrand kombiniert, die zweite Zange dort wird gemeinsam mit der Sechskolben-Doppelscheibenanlage vorne aktiviert. Darüber hinaus hat Erwin Dröge seiner RT einen 40 Liter fassenden Jeckel-Tank, einen Monositz mit Heckgepäckbrücke und einem mitfedernden Hinterradkotflügel spendiert. Der Mottr entspricht dem der R 100 RT, allerdings mit reduzierter Schwungmasse, Doppelzündung, Ölkühler und langem fünften Gang.
Solchermaßen mit zahlreichen edlen Zutaten gerüstet, präsentiert sich die Kombination von ihrer besten Seite. Der Zweiventilboxer mag zwar in Zeiten, in denen sein Nachfolger bereits in der dritten Generation vertreten ist, endgültig zum Alteisen gehören. Dennoch hat er zumindest für die Gespannfahrer, die mit ihm älter geworden sind, nichts von seiner Faszination verloren.
Mit den genannten Tuningmaßnahmen wird er umso attraktiver. Über die Boxenmotoren in der 800er und 1000er Version müssen wir sicher keine Worte mehr verlieren. Die Doppelzündung sorgt für eine deutlich optimierte Verbrennung. Besonders bei dem Einliter-Boxer mit seinen großen Brennräumen macht das Sinn. Dazu kommt, dass der Motor ohnehin mehr Masse bewegen muss. Dagegen bewegt die Verringerung der Schwungmassen, dass der Kurzhuber temperamentvoller hochdreht.
 

Länger übersetzt im letzten Gang
Sinnvoll ist es im Zusammenhang mit diesen Maßnahmen, den fünften Gang länger zu übersetzen. Das klingt zunächst paradox. Erfordert doch der zusätzliche Seitenwagen grundsätzlich eine kürzere Gesamtübersetzung. Sie wird oft – wie im Fall unserer BMW –durch das kleinere 15-Zoll-Hinterrad realisiert. Aber der Getriebeummbau, den WüDo und andere Spezialisten in der Regel mit einer Verlängerung um sechs Prozent anbieten, hat seine Berechtigung. Die großen Zweiventilboxer sind im Tuning-Trimm besonders kräftig. Selbst im großen Gang bringen sie ein Gespann mit Einplätzer-Beiwagen auf Höchstgeschwindigkeit, wenn man die durch 15-Zoll-Räder gewonnene Übersetzungskürzung nachträglich mit dem langen fünften Gang kompensiert. Dass dieser Eingriff zur Schonung des Triebwerks und zr Reduzierung des Spritverbrauchs  insbesondere beim Autobahn-Marathon beiträt, liegt auf der Hand. Da wir das „Plus-6-Prozent-Getriebe“ schon seit Jahren im Privatgespann fahren, können wir diese Maßnahme für alle leistungsoptimierten Tausender-Boxer nur empfehlen,

Wunder in punkto Spritersparnis darf man allerdings nicht erwarten. Wer einen solchen Tuningmotor auf der Autobahn richtig rennen lässt, kommt leicht auf einen Verbrauch von über neun Litern. Aber auch im Hinblick auf die Lebenserwartung sollte man Vollgasorgien vermeiden. Damit dreht man früher oder später jedem Zweiventilboxer mit PS-Bonus den Hals ab. Wer schnellstmöglich von Flensburg nach Alicante möchte, ist mit einem K-Gespann besser bedient.

Das Fahrwerk dieses Gespanns macht einen hervorragenden Eindruck. Allerdings sei angemerkt, dass sich in dieser Leistungskategorie auch mit weniger Aufwand feine Fahreigenschaften realisieren lassen. Doch aus Sicht eines richtigen Tüftlers ist das Beste gerade gut genug. So vermittelt die Kombination selbst bei zügigem Fahrstil stets kalkulierbarer Reaktionen in Kurven, Spurstabilität beim Bremsen un dein Gefühl von Sicherheit und Fahrkomfort.

Bleibt die Frage, ob die Momentanstützung für de Bootsbremssättel ernsthaft zu einer Verbesserung von Komfort und Fahrverhakten beiträgt. In diesem Fall wollen wir uns der Politiker-Strategie bedienen und eine verbindliche Antwort schuldig bleiben. Bei unseren Probefahrten stempelte das Seitenrad beim Bremsen auf holprigen Untergrund tatsächlich nicht. Wirklichen Aufschluss könne hier nur direkte Vergleichsfahrten bringen. Mit 60 Zentimetern nutzbarer Sitzbreite und 150 Litern Stauraum im Heck gehört der Orca nicht gerade zu den Raumwundern in der Einsitzerklasse. Halbwegs schlanke Passagiere bis etwa 1,75 Meter Körpergröße finden im Fahrgastabteil bequem Platz. Die Scheibe hält den meisten Fahrtwind ab. Durch die ausladende Verkleidung der RT treten allerdings bei höherem Tempo Verwirbelungen auf. Insgesamt gesehen ist der Orca erheblich besser verarbeitet als seine englische Basis, womit er auch seinen Preis rechtfertigt.

Hinzu kommt sinnvolles Zubehör: Ein vierteiliger wetterfester Teppich, der durch Druckknopf-Fixierung herausgenommen werden kann, Fußstützen, Beckengurt, Steckdose, Innenbeleuchtung, Gepäckbrücken in Chrom und Edelstahl sowie der Haltebügel über der Rückenlehen. Ebenfalls bietet KMS einen 20 Liter fassenden Zusatztank in Edelstahl an. Kompaktheit hat auch Vorteile: So taugt der Orca nicht nur dank seines zeitlosen Aussehens, sondern auch aufgrund seiner Ausmaße und seines Gewichtes gut für die meisten Mittelklasse-Maschinen. Gewiss gibt es für solche Zwecke billigere Einsitzer, aber nicht überall findet man die hier gebotene Qualität. Außer Frage steht, dass ein gut funktionierender BMW-Boxer auch mit weniger Aufwand realisierbar ist. Aber das war ganz bestimmt nicht die Vorstellung von Erwin Dröge.
 
Ellen Reinke

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